Ein “Use Case” ist kein 3D-Modell – Unterschiede in der Entwicklung von Software und Hardware

30.01.2015 |  | Berateralltag | Keine Kommentare

„Sie haben die Software-Entwicklung für mich entmystifiziert“, sagte ein Teilnehmer als abschließendes Feedback zum zweitägigen Training „Audits in der Software-Entwicklung“. Ziel des Trainings war es, erfahrenen Auditoren aus der Industrie einen „Ausflug“ in die Software-Entwicklung zu geben. Diese positive Resonanz wollen wir zum Anlass nehmen, hier in einer losen Folge die Einzelthemen dieses Seminars vorzustellen. Beginnen aber möchte ich mit einem kurzen Beitrag darüber, worin sich die Entwicklung einer Software von einer klassischen Produktentwicklung (Hardware) unterscheidet.

Ein großer Unterschied zur Hardware ist, dass SW-Entwicklung eine wesentlich tiefere Wertschöpfung besitzt. Der Entwickler ist oft tiefer in alle Stufen des Prozesses eingebunden. In der Regel begleitet er sein Projekt von den ersten Konzepten über die Realisierungsphase bis zur Übergabe an den Kunden. Aus Sicht eines Auditors bedeutet dies, um in diesen Prozess „einzusteigen“ und ihn verstehen zu können, muss tiefer „bohren“ und die Besonderheiten kennen. Fazit: Ein “Use Case” ist eben kein detailliertes 3D-Modell. Ganz ohne Kenntnisse der Unterschiede zwischen der Entwicklung von Software und Hardware geht es nicht.

Viele Industrie- und Dienstleistungsunternehmen sind historisch und inhaltlich betrachtet keine Software-Companies. Die von ihnen entwickelten, tradierten und standardisierten Verfahren für die Geschäftsabwicklung passen oft nicht zu einer heutigen dynamischen Software-Welt und deren Entwicklung.

Ein Beispiel: Vor Jahren führten wir als Beratung eine Vorbereitung auf die ISO 16949 bei einem Automobilzulieferer durch. Dieser produzierte Schließsysteme für führende Automobil-Hersteller weltweit an mehreren Standorten. Jahrzehnte produzierten dieses Unternehmen also Zündschlösser und die dazugehörigen Schlüssel. Heute stellt das Unternehmen komplette Schließsysteme diverse Fahrzeugtypen her. Diese System-Komponenten, z.B. Zentralverriegelung mit Airbag-Steuerung oder Keyless-Go, haben einen hohen Software-Anteil. Die Fertigungstiefe und -komplexität hat also stark zugenommen.

Die Software-Entwicklung ist inhaltlich objektorientiert. Im Gegensatz hierzu steht die  Phasen-Orientierung des klassischen Entwicklungsprojektes. Daher scheinen die reinen Prozesse und Nachweise im Audit oft ausreichend und gut. Hier findet der Auditor in der Regel wenig bis nichts Gravierendes.

MeloneAber Vorsicht – dies ist oft ein Melonen-Projekt! Eigentlich ein ganz einfaches Prinzip – das SW-Projekt wird gegenüber dem Auftraggeber als „grün – alles on Track“ dargestellt. Doch der Schein trügt oft! Beim genauen Hinschauen erkennt man, dass das Projekt sich in einer Schieflage befindet – außen grün, innen rot. Daher gilt es, Melonen-Projekte rechtzeitig zu erkennen. Hierzu benötigt man einige Grundkenntnisse und ein gewisses Verständnis für SW-Entwicklungsprozesse, um die harte Schale des Melonen-Projektes zu durchdringen.

Welches Wissen hierfür notwendig und sinnvoll ist,  werden wir hier in einer losen Reihe in unserem Blog genauer beleuchten.

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Dies ist nur ein GravatarDirk Pütz

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