Liebe Christiane, bitte hilf!

08.05.2014 |  | Berateralltag | Keine Kommentare

Eine Freundin, die in Teilzeit bei Headframe wirkt, erwägt, sich zusätzlich als Lektorin selbständig zu machen. Lange schon habe ich mir vorgenommen, ihr meinen Zuspruch zu diesem Vorhaben zuteilwerden zu lassen. Dafür, dass ich es noch nicht getan habe, hat die Medienmafia diese Woche Rache an mir genommen.

Ich erhielt zunächst eine private Mail, in der die Rede davon war, man könne sich selbst neu erfinden. Darüber will ich nicht klagen, denn zum einen zeugt übertriebene Pingeligkeit in der privaten Korrespondenz von Verkniffenheit und Kleinmütigkeit, zum anderen neige ich selbst dazu, in Hektik zu schreiben. Was dabei sprachlich herauskommt, ist auch nicht immer allererste Sahne.

Schreibe ich beruflich, lässt sich die Hektik ebenfalls nicht stets vermeiden. Daher bin ich dankbar, dass es die Erfindung eines Lektorats gibt. Nie käme ich auf die Idee, das Lektorat hätte sich selbst erfunden oder gar sich selbst neu erfunden. Nun schreibe ich weder für die Süddeutsche noch für die Blätter für deutsche und internationale Politik. Ich ging bisher davon aus, dass beide über ein ausgezeichnetes Lektorat verfügen. In der Süddeutschen darf ein im Schneiderhandwerk tätiger Wichtigtuer dennoch trompeten, er habe sich „immer wieder selbst neu erfunden“, und in den Blättern muss ich lesen: „Die ungarische Zivilgesellschaft erfindet sich neu“.

Ich will nicht ausschließen, dass man etwas neu erfinden kann. Etwa, weil jemand es bereits erfunden hat, aber man selbst keine Kenntnis davon nehmen konnte, da es nur in den Mitteilungen der Slowenischen Gesellschaft für Informatik veröffentlicht wurde, welche nur auf Slowenisch und nur in Papierform erscheinen. In jedem Fall ist es ein Ärgernis, etwas neu zu erfinden, und eigentlich hat man es gar nicht erfunden. Bestenfalls kann man bei gewisser zeitlicher Nähe behaupten, beide haben etwas unabhängig voneinander erfunden.

Man kann natürlich – und die entsprechende Wendung ist ja geläufig – auch das Rad neu erfinden. Das klassifiziert aber den Neuerfinder, gelinde gesagt, als ziemlichen Deppen und gereicht weder der ungarischen Zivilgesellschaft noch einem Modeheini zur Ehre. Sich selbst zu erfinden, kann man mit viel Großmut als originellen Beitrag zum Henne-Ei-Problem werten, alleine, es funktioniert nicht.

Dass sich die ungarische Zivilgesellschaft durch die massiven Angriffen auf Bürgerrechte und Demokratie, mit denen Orbán Ungarn heimgesucht hat, nicht hat unterkriegen lassen und die Opposition im Wesentlichen außerparlamentarisch und vor allem ohne den völlig unglaubwürdigen Gyurcsány organisiert, ist politisch klug, durchaus begrüßenswert, vielleicht sogar die Erfindung einer politischen Strategie. Sich selbst hat die Zivilgesellschaft jedenfalls nicht erfunden, schon gar nicht neu. Was den Modeschöpfer angeht, weiß ich nicht, was er eigentlich sagen will, vermutlich: „Boah. Letztes Jahr blau, dieses Jahr grün. Ich. Ich. Ich. Tolles Wort! Ich.“

Liebe Christiane, die Welt braucht Dich! Bitte setze Deinen Plan um, und rette mich. Und mache, dass die Leute das formulieren, was sie meinen. Dazu muss man das Rad nicht neu erfinden. Es reicht, den einen oder anderen Text neu zu schreiben. Und natürlich geduldig das Korrektur zu lesen, was der Sascha so schreibt.

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Dies ist nur ein GravatarSascha Zinflou

Interdisziplinär denkender und handelnder Mathematiker mit mehr als zehnjähriger Erfahrung im Bereich „Softwareentwicklung und -anwendung”.

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