Sind Sie noch auf der Suche nach Ihrem Latino? Ein verhaltenspsychologischer Ansatz

15.11.2014 |  | Psychologie im Business | Keine Kommentare

Vor meinem Wechsel zur Headframe IT GmbH habe ich im Siemens-Konzern eine Abteilung für Training und Coaching geleitet. Menschen beim Ausbau ihrer persönlichen Kompetenz zu unterstützen, hat mich schon immer fasziniert. Diese Leidenschaft setze ich nun bei Headframe fort. Ausbau persönlicher Kompetenz ist stets verknüpft mit der Entwicklung der Persönlichkeit. Es ist halt nicht ausreichend, lediglich Powerpoint bedienen zu können, will Mann oder Frau ein EMOTIONAL BERÜHRENDER Präsentator/-in werden. Lassen Sie uns gemeinsam einen Ansatz zur Persönlichkeitsentwicklung betrachten:
Möchte ein Mensch in bestimmten Situationen sein bisheriges Verhalten durch eine Verhaltens-Wahlmöglichkeit anreichern, also seine Persönlichkeit entwickeln, durchläuft er drei Phasen:

Phase 1 „Einsicht“:
Man hat erkannt oder kognitiv verstanden, dass es sinnvoll ist, am bisherigen Verhalten etwas zu optimieren. Für den Trainer bedeutet diese Phase eine didaktische Herausforderung. Es muss ihm gelingen, ein psychologisches Modell so zu inszenieren, dass der Spagat zwischen fundiertem Tiefgang – wichtig fürs Verstehen – und der ehrlichen Bereitschaft des Teilnehmers zur Selbstreflektion gelingt.

Phase 2 „Entscheidung“:
Anders gesagt: Der Teilnehmer begreift, wie er „tickt“, und er hat Lust, sein Verhalten zu hinterfragen. Entsteht hierbei die Erkenntnis: „Ja, ich will jetzt etwas tun!“, folgt Phase 2 „Entscheidung“: Man trifft ganz bewusst die Entscheidung, das bisherige Verhalten durch eine Option zu erweitern.
Als Trainer und Coach habe ich bisher hunderte von Teilnehmern/-innen begleitet, und es waren meist die „starken“ Persönlichkeiten, die sich für Phase 2 entschieden haben, wodurch Sie noch „stärker“ wurden. Sind auch Sie eine „starke“ Persönlichkeit?

Phase 3 „Handlung“:
Nach der „Entscheidung“ folgt Phase 3 „Handlung“: „Was genau soll ich jetzt tun?“, lautet die immer gestellte Frage. Sie ist mehr als berechtigt, soll es nicht (nur) bei der „Einsicht“ und der „Entscheidung“ bleiben. Es bedarf einem ETWAS, was „handfest“ und (leicht) umsetzbar erscheint. Außerdem muss dieses ETWAS die Individualität des Einzelnen berücksichtigen.

Mein klarer Favorit: Das „Teilpersönlichkeitsmodell“ von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun. Es bietet vollumfänglich das gerade Geschilderte und es geht sogar darüber hinaus, wenn es in einem Seminar durch ein persönliches Beispiel des Trainers „lebendig“ wird. Jetzt geht es regelrecht unter die Haut und berührt emotional. Für mich ein MUST HAVE für Phase 3, denn nur was einen berührt, hat Bestand und gerade das braucht Man(n) oder Frau, soll die neue Verhaltens-Wahlmöglichkeit dauerhaft verankert werden.

Was ist es nun, was dieses verhaltenspsychologische Modell so geeignet für die Entwicklung der Persönlichkeit macht? Es ist wohl der provokante und dadurch geniale Ansatz von Schulz von Thun: In seinem Modell schildert er, dass unsere Persönlichkeit als ein Bündnis von vielen kleinen „Teilpersönlichkeiten“ verstanden werden muss. Anstelle einer festen Struktur (So bin ich nun einmal – und nicht anders!) erleben wir die Persönlichkeit als das lebendige Wechselspiel verschiedener Teilkräfte, das Miteinander und Gegeneinander von Mitspielern auf einer anschaulichen (Lebens-) Bühne, deren Vorhang für ein Publikum mehr oder weniger auf- und zugezogen werden kann.

Da gibt es Stammspieler, die in vielen Stücken (Kontexte des realen Lebens), die auf dem Spielplan stehen, die Hauptrollen übernehmen. Sie sind aber keineswegs die einzigen Mitglieder des Ensembles – mögen sie auch die einzigen sein, die im Rampenlicht stehen und in Erscheinung treten.Im schlecht ausgeleuchteten Hintergrund der Bühne und hinter den Kulissen gehören viele andere dazu: Zum einen sehr verletzliche und schutzbedürftige Wesen, die alte Wunden tragen und Angst haben, sich dem Publikum zu zeigen. Zum anderen finden sich hier auch stille Wasser, Talente und Potentiale, die viel zu bieten hätten, was das Leben tiefer und reichhaltiger machen würde, die jedoch scheu und unerweckt geblieben sind, weil ihr Regisseur bei den Spielplänen des Lebens bis jetzt keine rechte Verwendung für sie gesehen hat. Womöglich hat er sie wegen ihrer Unaufdringlichkeit auch übersehen.

Schulz von Thun macht aber auch klar, dass zum Ensemble auch finstere Gestalten à la Mr Hyde gehören können, die dem Ideal sittlicher Menschlichkeit hohnsprechen, innere Schweinehunde, die egoistisch, kleinlich, herrschsüchtig, eifersüchtig, über Leichen gehend, all das Abgründig-menschlich-all-zu-Menschliche verkörpern. Ach es gäbe noch so viel Interessantes zu dem Modell zu schreiben, zum Beispiel die Aufgabe der Antipoden und deren Verbannungsstufen, wie gesagt, es ist mein klarer Favorit.

Dieses Teilemodell der Persönlichkeit scheint erstaunlicherweise weniger fremd zu sein, als man im ersten Moment denkt, denn es findet sich in Redewendungen der Alltagssprache wieder. Wir sprechen vom: „Kind im Manne“, „zwei Seelen in meiner Brust“, „man ist mit sich uneins“ oder „man fühlt sich gespalten“ oder gar „zerrissen“.
Sie können nach meinen Ausführungen zu dem Modell stehen wie Sie wollen, wer es allerdings live in einem Vortrag erlebt hat, dem springt der konkurrenzlose anwenderfreundliche Ansatz direkt in den Kopf. Persönlichkeitsentwicklung wird plötzlich handfest und die „To Dos“ liegen klar vor Ihnen, mehr noch, sie nehmen Gestalt an.

Lassen Sie uns doch einfach konkret werden. Nehmen wir an, Sie haben in Phase 1 die „Einsicht“ bekommen: Ich bin in vielen Situationen, sagen wir ein „Lieber“. Hilfsbereitschaft und „JA“ sagen, sind total Ihr Ding. Es kommt nicht selten vor, dass Sie sich dabei selbst vergessen. Nachvollziehbar?

In Phase 2 „Entscheidung“ geben Sie sich ein Self-Commitment: „Ich werde jetzt daran arbeiten, nicht immer und überall der/die „Liebe“ zu sein, sondern in der einen oder anderen Situation auch mal ein „NEIN“ abzusetzen“. Hört sich erst einmal sehr vernünftig an. Wenn dieses Verhalten jedoch bisher nicht zu Ihrem Verhaltensmuster gehört hat, ist die Umsetzung alles andere als einfach.

In Phase 3 „Handlung“ nutzen Sie nun das Teilpersönlichkeitsmodell und geben dem neuen Verhalten eine Gestalt, ein Gesicht, einen Namen. Wie sieht Ihr …….. aus? Ist er/sie noch sehr klein und unsicher? Welchen Namen haben Sie ihm/ihr gegeben? Was braucht er/sie zum Wachsen? Traut er sich aus dem schlecht ausgeleuchteten Hintergrund vor ins Rampenlicht der (Lebens-) Bühne? Schauen Sie sich in Ihrem Umfeld um. Gibt es da einen Kollegen, eine Bekannte der/die das gewünschte Verhalten bereits „perfektioniert“ hat?

Versetzen Sie sich in dieses „Vorbild“ und ahmen Sie durch Üben, Üben, Üben das erkannte Verhalten nach. So erhält Ihr, nennen wir ihn beispielsweise „NEIN-Sager-Egoist“, ganz konkrete Regieanweisungen für sein Wachstum, und diese sind individuell auf ihn zugeschnitten. Schließlich ist es ja das „Selbst“ (Schulz von Thun nennt Sie in Ihrer Funktion als Oberhaupt auch das „Selbst“), das die Anweisung für das (neue) Ensemblemitglied vorgibt. Bewegt sich Ihr „NEIN-Sager-Egoist“ dann zunehmend selbstsicherer auf der Bühne, sind Sie in der Lage, in bestimmten Situationen mit Ihrem „Lieben“ oder mit Ihrem „NEIN-Sager-Egoisten“ zu reagieren. Was für ein unschätzbarer (Verhaltens-) Gewinn!

Zum Schluss kann ich Sie nur ermuntern, mit dem Modell zu arbeiten, und falls auch Sie Ihr inneres Ensemble mit einem „Latino/-na“ erweitern wollen (war und ist für meine Tanzkarriere immer noch unverzichtbar), dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Suche und dem Wachstumsprozess.

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Dies ist nur ein GravatarHarald Dormann

Unser facettenreicher Trainer und Coach, der seine Freude am Lernen und sein Know-how mit viel "Herzblut" an andere Menschen weitergibt.

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